Die Kampagne „100% für Beratung“

Zwischen Oktober 2018 und Mai 2019 beleuchten wir aus unterschiedlichen Perspektiven die Wichtigkeit und Notwendigkeit von spezialisierten Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend. Wir koordinieren Aktionen vor Ort und treten für eine bessere Finanzierung von Fachberatungsstellen ein.

Warum sind spezialisierte

Fachberatungsstellen so wichtig?

Viele Menschen erleben als Kinder oder Jugendliche sexualisierte Gewalt – aktuellen Studien zufolge jede achte Person in Deutschland. Viele Betroffene haben lange mit den Folgen der Gewalterfahrungen zu kämpfen, etwa mit Depressionen, Ängsten, Traumafolgestörungen, Erwerbsunfähigkeit, Beziehungsproblemen, Suchterkrankungen etc. Für einige wird eine Auseinandersetzung erst im Erwachsenenalter möglich oder sogar unvermeidbar.

Menschen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben, brauchen Zugang zu vielfältigen Formen der Unterstützung. Etwa dabei, Gewalt zu entkommen und Schutz zu bekommen, Erfahrungen zu bearbeiten, Gehör und Hilfen zu finden. Nicht zuletzt auch dabei, selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen, wie es weitergehen kann und soll.

Fachberatungsstellen gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend sind da, wenn Betroffene Beratung und Unterstützung suchen und sind für viele eine unverzichtbare Anlaufstelle. Als Spezialist*innen kennen die Mitarbeitenden alle Facetten des Themas und können effektiv helfen. Sachkundig, niedrigschwellig, erfahren und mit viel Engagement stehen sie an der Seite von Betroffenen und begleiten dabei, den eigenen Weg zu machen – mit Respekt und auf Augenhöhe. Sie sind nicht nur für Betroffene da, sondern auch für Angehörige und Bezugspersonen, für Fachkräfte, die Rat suchen oder Institutionen, die sich mit Gewaltschutz beschäftigen. Durch Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildungen und Präventionsveranstaltungen sorgen sie dafür, dass wir als Gesellschaft lernen, mit sexualisierter Gewalt umzugehen und Kinder und Jugendliche besser zu schützen. Dabei gibt es immer noch viel zu tun!

Was sind die Probleme?

Viele Fachberatungsstellen arbeiten prekär und bangen Jahr für Jahr um die Weiterfinanzierung. Mitarbeiter*innen arbeiten unter Tariflohn in unsicheren, befristeten Verträgen. Manche Beratungsstellen bräuchten längst größere Räume, können sie aber nicht bezahlen. Es stehen nicht genug Mittel zur Verfügung, um den bestehenden Bedarf an Beratung und Begleitung zu decken. Es gibt kaum Geld für Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildung und Vernetzung, obwohl gute Beratung auch davon lebt. Manche Beratungsstellen finanzieren sich sogar komplett durch private Initiative und erhalten keinerlei öffentliche Zuschüsse. Viel Zeit geht in die Beantragung von Fördermitteln, in Spendenakquise und Fördervereinsarbeit. Zeit, die für die eigentliche Arbeit fehlt.

Dabei sind gerade spezialisierte Fachberatungsstellen besonders wichtig, da sie Kompetenzzentren in ihren Kommunen und Regionen sind. Sie unterstützen und beraten Betroffene und Angehörige, Fachkräfte und Einrichtungen. In einem komplexen Feld mit speziellen Dynamiken haben sie eine breite und tiefe Expertise, die in umfassender Erfahrung und Qualifikation wurzelt, und sind der Schlüssel ins weitere Hilfesystem.

In manchen Regionen gibt es keinerlei spezialisierte Angebote und Betroffene sowie Angehörige müssen in emotional ohnehin schwierigen Lebenssituationen lange Wege auf sich nehmen, um eine Anlaufstelle zu erreichen – wenn überhaupt. Besondere Bedürfnisse, wie etwa nach Sprachmittlung oder barrierefreiem Zugang, können erst recht nicht gedeckt werden. Dabei ist der Hilfebedarf enorm.

All das geht zulasten von Betroffenen und von Mitarbeiter*innen, die mit wenig Ressourcen so viel tun, wie sie irgendwie können. Denn die Berater*innen geben 100% für die Menschen, mit denen sie arbeiten. Wir wollen, dass sie das zurückbekommen und die öffentliche Hand für Betroffene und ihre Unterstützer*innen in die Verantwortung geht. Spezialisierte Fachberatungsstellen gibt es seit 30 Jahren, längst ist bekannt welches Ausmaß sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen in dieser Gesellschaft hat. Doch immer noch ist die Finanzierung von Hilfe absolut unzureichend.

Das muss sich ändern! Deswegen wollen wir 100% Anerkennung, 100% Planungssicherheit und 100% Finanzierung für spezialisierte Fachberatungsstellen, die gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend arbeiten.

Wir fordern

Die gesellschaftlich wichtige Aufgabe von spezialisierten Fachberatungsstellen bekommt nicht die öffentliche Unterstützung, die sie braucht und verdient. Deswegen fordern wir in unserer Kampagne 100% für Beratung!

Wir wollen:

  • Einen Beratungsanspruch auf Bundesebene für betroffene Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dieser muss auch gewährleisten, dass es genug spezialisierte und qualifizierte Anlaufstellen gibt.
  • Die dauerhafte öffentliche Vollfinanzierung mindestens einer spezialisierten Fachberatungsstelle in jeder Region und jeder Stadt. Ballungsgebiete und Großstädte brauche mehrere Beratungsstellen mit Angeboten für unterschiedliche Zielgruppen. Jede P, unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft, soll wohnortnah und schnell passende Beratung in Anspruch nehmen können.
  • Die Finanzierung von mindestens vier Personalstellen pro spezialisierter Fachberatungsstelle sowie einer Verwaltungsstelle, wenn die Beratungsstelle Intervention und Prävention anbietet.
  • Eine gesetzliche Regelung zum Fortbestand von Fachberatungsstellen und feste Posten in Landes- und Kommunalhaushalten für mehr Planungssicherheit und stabile Perspektiven.
  • Die Anpassungen der öffentlichen Zuwendungen an den tatsächlichen Bedarf nach Beratung, Prävention, barrierefreien Zugängen und Sprachmittlung.
  • Gute Arbeitsbedingungen für engagierte Fachkräfte: Tariflohn und sichere Zukunftsperspektiven.
  • Kinder und Jugendliche vor Gewalt zu schützen, ist auch die Verantwortung des Staates. Wenn dies nicht gelungen ist, muss für Unterstützung gesorgt werden. Aber immer wieder wird die Verantwortung zwischen Bund, Ländern und Kommunen hin- und hergeschoben. Das muss ein Ende haben! Wir fordern eine Verantwortungsübernahme und endlich eine flächendeckende Versorgung für alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend, unabhängig davon, welches Alter diese jetzt haben.

Wer wir sind

Wir, die BKSF, sind die Bundeskoordinierung der ca. 360 Fachberatungsstellen, die bundesweit spezialisiert zum Thema sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend („sexuellem Missbrauch“) arbeiten. Das heißt, wir vertreten ihre fachlichen und politischen Anliegen in der Öffentlichkeit und sorgen für Vernetzung und Austausch. Aktuell begleiten wir die geplanten Reformen des Kinder- und Jugendhilferechts und des Opferentschädigungsgesetzes, setzen uns für mehr mobile Beratungsangebote im ländlichen Raum ein und organisieren landesweite Vernetzungstreffen.

So vielfältig die Beratungslandschaft in den verschiedenen Bundesländern ist, so sehr sind die Probleme vielerorts ähnlich.

Mit der Kampagne 100% für Beratung wollen wir auf die wichtige Arbeit der Beratungsstellen aufmerksam machen, und fordern eine angemessene Finanzierung.